2013 – Die Katastrophe kündigt sich leise an

Die Chimäre

10

Der Grat über deiner Augensenke
durchzieht meinen Zweifel
abgrundnah
Aus dir herausgefallen – aus mir
zerrt fern vom Einzigen
das Licht an Wimpern
– milchblind
Betet, betet, ihr Schatten

11

Sommer

Wenn die Decke, gewirkt aus dem Licht des Tages, mit dem Nachtlaken des Vergessens eingetauscht ist, und du dich im Schlaf bewegst, atme ich deinen Atem, dein Leben, das sich mit meinem vermischt, bis es sich wieder ausatmet, und wir allein daliegen.

12

Der dunkle Wagen
kommt näher
mit Tüchern verhangen
Ein Blick
durchs Fenster
wie dort –
leer

Die Katastrophe kündigt sich leise an, und das Sicher-Geglaubte fällt ohne Vorwarnung in dünnen Placken von uns: Die Stunden haben plötzlich hundert Minuten, – zehn vor Drei wird fünfzehn Uhr neunzig –.


13

Die Katastrophe kündigt sich leise an:
  • „Wie heissen diese grossen Tiere im Wasser?“
  • „Walfische?“
  • „Nein! Diese grossen Tiere…“ (Du machst beschreibende Bewegungen.)
  • „Elefanten?“
  • „Ja, genau!“

Ich suche nach Gesetzmässigkeiten: Es scheint mir, als ob das Vergessen der Wörter im Alter in umgekehrter Reihenfolge ihrer Aneignung in der Kindheit geschieht.

Und es scheint, als überlebten die Bilder in uns länger als die Wörter, die wir ihnen geben.

Du findest die Treppe zur Dachterrasse nicht mehr. – Was darf ich sagen, und was sage ich nicht.

Ich bin wieder in die Rolle der Lehrenden geraten, die mir so verhasst ist: Wir üben für die Prüfung der Fahrtauglichkeit mit Arbeitsblättern der dritten und vierten Klasse, mit Zifferblättern und Zeitangaben.

Auch unsere Prüfung beginnt hinter dem Tränenschleier, hinter dem du immer mehr verschwindest, mein Mann, mein Freund.

Und obwohl ich ein Unbehagen empfinde, ähnlich dem, das an mir nagt, wenn ich Zeichnungen als Dokumente des Verfalls sehe, die ein Maler von seiner sterbenden Geliebten machte, muss ich dieses Verschwinden mit meinen Worten malen, – in jedem Bild verändert.

Ich höre noch, wie unten im Erdgeschoss dein Stuhl knarrt, wenn du dich an deinen Laptop setzt.

Doch wenige Tage später, zeigt sich genau dort der Riss: Du kehrst vom Meer zurück und schliesst die Eingangstür, und dann ist es still. – Gerade als ich über Edward Hoppers Bild ‚verlassen–wirklich‘ lese.

Es ist nicht das Unglück, das die Schwere in der Stille mästet. Es ist die Stille, die sich wie eine Totendecke über das Unglück legt.

Ich sitze an meinem Tisch, die rote Kerze ohne Flamme, und die Zeit versickert ins Altern. – 

Das, was nicht da ist, erkenne ich in dieser Nacht an meiner Angst, den Kern meines Leben nicht einmal zu streifen. All die ‚Hätte‘, ‚Könnte‘, ‚Sollte‘, diese Konjunktive des Verpassten, dieses ‚Wäre‘ des Unmöglichen stehen gegen mich.

Und ich zürne dir, weil du alt bist, weil du alt geworden bist. Ich zürne dir, weil du mich allein lässt, weil du mich allein lassen wirst. Ich zürne mir, weil ich mich verzweifeln lasse.

Und nach dieser Nacht, am Morgen, überfällt mich der Schrecken, weil du über deine Zeit hinaus schläfst.

14

Herbst

Du sagst, du seist deprimiert, du habest keinen Schwung mehr und keine Freude. Du wüsstest nicht, was mit dir anfangen, wenn ich an meinem Schreibtisch sässe.

Du sagst, dass du es hier auf der Insel nicht mehr aushältst, dass du hier eingehst, weil dir die Musik fehlt, die Konzerte, das Theater, die Stadt. – Meine Antwort darauf ist Schweigen…

(Dies ist eine der spärlichen Aussagen von dir, die ich mir notiert habe, bevor du krank wurdest. Und ich wälze mich heute noch in Scham, dass ich erst Worte von dir fand, als du mir ein Problem warst.)

Einmal liegst du mit gebrochenem Knöchel im Bett und dirigierst hinter dem Moskitonetz eine Beethoven-Symphonie, und ich erkenne von der anderen Seite des Vorhangs her, dass ich ein Bild von dir hatte.

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