2017 – Die Veränderung

Die Barbaren

24

Im Pinienwind
verwehst du
die Zeit erwartend
da du mein Blut frisst
Wo bist du – 
Ruf, ohne Echo
Und was ist das Nächste
das so schwer ist
dass ich es tragen muss

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Frühling

Ich verteidige unser Leben gegen die Veränderung und verändere mich selbst in einen Menschen, der ich nicht sein will: „Lass’ mich jetzt allein!“, sage ich, wenn ich deine Anhänglichkeit nicht mehr ertrage. „Setz’ dich dort drüben aufs Sofa!“ Ich bedinge mir aus, allein zu sein, obwohl ich es schon längst bin, und lasse dich damit allein, dich, der Halt sucht, der sich an mich klammert, der mich mit leeren Augen anfleht, den ich nicht loslassen darf, und der sich hinter eine Mauer von Floskeln rettet, von wo aus er versucht, mich mit den immergleichen Beschwörungen herbeizurufen: „Ohne dich würde ich längst nicht mehr leben“, sagst du. „Du bist das Wichtigste für mich.“ Und wahrscheinlich ist das die Wahrheit.

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Mail an die Präsidentin

Unser Gespräch beschäftigt mich immer noch sehr. Vor allem der Punkt mit der ‚Toleranz‘, wie Sie sagen, die ich mir wünschte. Dieser Satz hängt mir nach. Es ist nicht Toleranz, es ist Respekt vor den Gründen für eine Arbeitsreduktion, den ich mir wünsche. Es geht mir nicht ums Tolerieren, sondern ums Erkennen, dass jede Frau, die nur im Teilpensum arbeiten kann, zwingende Gründe hat, weshalb sie nicht voll arbeitet. Diese Gründe liegen im anderen Teil ihres Arbeitslebens, häufig im privaten Teil, der ein ebenso schweres Gewicht in ihrer Biographie hat, wie die Arbeit ausser Haus. Es geht um den Respekt, diesen Teil zu würdigen.

Ich denke, Sie wissen wovon ich rede, da Sie selbst in einer ähnlichen Situation sind wie ich. Wir, die wir im Teilpensum arbeiten, haben dies bewusst entschieden, nicht weil wir ‚weniger‘ arbeiten wollen, sondern weil es notwendig ist. Dieser Teil gehört dem ‚privaten‘ Teil. Und darüber kann man nicht geteilter Meinung sein, ausser man respektiert die Arbeit nicht, die Frauen ausserhalb der sogenannten Berufsarbeit verrichten.

Zusätzlich möchte ich noch zu bedenken geben, dass Frauen mit – auch grösseren – Teilpensen in diesem Berufszweig voll und ganz aus der anteilsmässigen Altersentlastung fallen und somit ebenfalls keinen Respekt erfahren für die Gründe ihrer Arbeitsreduktion. Und die Frauen nehmen dies ohne Murren hin, weil sie Wege für sich finden müssen, wie sie im Stillen sich Freiräume schaffen können. Es ist die typisch weibliche Art auf eigene Kosten zu kommen, ohne sich Konflikten stellen zu müssen, mit dem Preis der materiellen Benachteiligung.

Ich möchte mein Problem nicht so lösen! Es hat etwas Unwürdiges, Verstecktes, als ob man etwas Verbotenes täte. Daher wende ich mich offen an Sie: bereit zur Diskussion.

Und ich bitte Sie, das Wort ‚Toleranz‘ durch ‚Respekt‘ in Ihrem Beobachtungsprotokoll zu ersetzen. Sie können dies formlos machen, ohne dass das Protokoll neu geschrieben werden muss.

Ich wünsche Ihnen ein schönes Wochenende und danke Ihnen nochmals herzlich für unser Gespräch. Ich fand es sehr gehaltvoll und offen.

Mail der Präsidentin

Vielen Dank für Ihr Mail und das aktive für mich auch lehr- und aufschlussreiche Gespräch vom vergangenen Mittwoch. Ich verstehe Ihr Anliegen und werde das Wort Toleranz durch Respekt im Besuchsprotokoll ändern. Alle haben noch ein Leben neben dem Beruf, in welchem sie sich ganz verschieden engagieren. Die eine Aufgabe mit der anderen zu vergleichen, versuche ich erst gar nicht. Auch sind wir alle einmal jung und voller Tatendrang gewesen, haben Gesundheit und dergleichen für selbstverständlich genommen und waren dementsprechend unerfahren oder respektlos; was das Leben belastendes mit sich bringen kann.

Ich wünsch Ihnen und Ihrem Mann trotz allen Schwierigkeiten und zunehmenden Veränderungen, dass sie die gemeinsame Zeit zusammen geniessen können. Erinnerungen an vergangene schöne Zeiten sollen Ihnen helfen, auch dieses letzte Stück des gemeinsamen Weges miteinander zu gehen. Dazu wünsche ich Ihnen viel Kraft.

Mail an die Präsidentin

Ich danke Ihnen für Ihre einfühlsamen Worte. Es ist mir ein Anliegen, allen Seiten gerecht zu werden und vor allem auch mit allen Beteiligten im Gespräch zu sein. Und eben dieses Anliegen spüre ich auch von Ihrer Seite – haben Sie Dank dafür.

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Sommer

Auf der Rückreise aus unseren letzten gemeinsamen Wochen am Meer öffnet sich mir ein Fenster des Himmels: Die Receptionistin im Hotel beim Flughafen fragt, ob sie Englisch oder Griechisch sprechen solle. Und du, beim Weggehen: „Si vouz avez une fois de la chance, venez à Citère.“ – Französisch; ich dachte, Fremdsprachen seien dir für immer verloren. Doch das Französisch deiner frühen Kindheit taucht auf wie ein Geschenk. Und ich bin stolz auf dich, mein Mann: so spontan und lebendig, so charmant und rührend – und sehr elegant!

28

Wenige Wochen später schreibe ich: „Du leidest seit Tagen, haderst, zitterst. Du sagst, du habest Angst, und es sei kompliziert. Du sagst: ‚Wenn es nur noch ein Warten ist, möchte ich lieber sterben.‘ – ‚Worauf wartest du?‘, frage ich. – ‚Ich warte darauf, wieder gesund zu werden.‘“

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Herbst

Mail an die Hausärztin

M’s. Schmerz am Bein ist auf dem Weg vom Bus nach hause (etwa ein halber Kilometer) wieder in Wellen aufgetreten. Wenn er mir einhängen oder die Hand geben kann, geht der Schmerz kurzzeitig weg, kommt aber nach etwa fünfzig Meter wieder zurück. M. reibt sich am Schienbein und rechts davon. Nach kurzem Warten ist der Schmerz wieder weg und kommt dann wieder, usw.

Nun liegt er auf dem Bett, seufzt und reibt sich das Schienbein. Wenn ich ihn ablenke, ‚vergisst‘ er den Schmerz.

Ich hoffe, dass ich Ihnen mit dieser Beschreibung einigermassen ein Bild des Phänomens geben kann.

Mail an B.

Ich danke Dir für Deine lieben und besorgten Worte.

Ja, es ist im Moment eine schwierige Zeit. Wir haben am Freitag vom Gerontopsychiater erfahren, dass M. wahrscheinlich an einer Form der Alzheimerkrankheit leidet. Ich bin schon länger am Trauern und trotzdem dankbar für die guten Jahre, die wir hatten und immer noch haben.

Wir waren fünf Wochen auf der Insel, zusammen mit einem Freund, der uns sehr unterstützt und begleitet hat. In dieser Zeit mussten wir erleben, dass wir M. nicht mehr für längere Zeit allein lassen konnten. Er braucht nun ständig Hilfe, sodass er zukünftig die zwei oder drei Tage, die ich arbeite, im Altersheim begleitet werden muss. Auch deshalb werde ich mein Pensum ab nächstes Frühjahr verkleinern.

Ich hoffe, Euch geht es gut, und Ihr habt Freude an Euren Kindern und Enkeln, und auch an Euch beiden.

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Wie von einer fremden Kraft angezogen, stürzt du dich auf Krumen, dürre Blätter, Haarfäden, auf alles, was auf dem Boden liegt, auf dem Teppich. Es ist, als ob du in diesen Momenten aus einem lethargischen Stillstand erwachtest, als ob deine Entschiedenheit und Leidenschaft sich der vergangenen Jahre erinnerte. Alles Verdorrte und Leblose, Samenstände zum Beispiel, klaubst du mit Vehemenz auf, als wären es lästige Insekten, die du eliminieren musst. Auch mein Nein schützt sie nicht davor.

Und in deinen Fokus sind ebenso schmutzige Gegenstände geraten: Du reibst sie reinlich aus, benetzt sie wieder und trocknest sie von Neuem. Dann siehst du die Gerätschaft durch, und kommentierst, wo sie hingehört, wo ihr Platz ist, und was man damit macht.

Später fährt dein angefeuchteter Zeigefinger wieder auf einen Krümel zu auf dem Boden. Dann muss wieder etwas abgewaschen werden, das Becken mit dem Lappen ausgetrocknet, und der Lappen ausgewrungen sein.

Dabei sind deine Bewegungen verzögert wie die Töne eines Harmoniums, so als ob du dir zuerst überlegen müsstest, wie du die Gabel hinlegst, den Schrank schliesst, die Klinke der Küchentür loslässt.

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Wir fahren den weiten Weg mit dem Zug in die Stadt: Dein Kopf soll geröntgt werden.

Dann liegst du in der MRI-Röhre; doch nach sieben Minuten sehen wir von aussen durch die Glasscheibe, dass du aufstehen willst. So gehe ich in den Röntgenraum und setze mich neben die Maschine, um dir die Hand zu halten und dir zuzureden. Vorher unterschreibe ich noch ein Formular, in dem ich bestätige, dass mir bewusst ist, dass ich mich Strahlen aussetze. Dann fährt der Schlitten dich wieder in die Röhre, und die Aufnahme beginnt von vorn.

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Mail an die Praxishilfen des Augenarztes:

Seit letztem Freitag wissen wir, dass mein Mann an der Alzheimerkrankheit leidet. Ich habe mit der Hausärztin Rücksprache genommen, ob es noch sinnvoll ist, unter diesen Bedingungen eine Gesichtsfelduntersuchung durchzuführen. Sowohl die Ärztin, wie auch ich, finden dies nicht mehr angezeigt. Daher möchte ich den Termin heute bei Ihnen, sowie die nachfolgende Sprechstunde absagen. Dass dies so kurzfristig geschieht, ist dem Umstand zu schulden, dass ich seit der Diagnose durcheinander bin und erst gerade eben daran gedacht habe, Ihnen Bescheid zu geben. Ich dachte, der Termin sei Ende Woche. Entschuldigen Sie bitte.

Mail an den Augenarzt

Ich möchte Ihnen herzlich für das heutige Telefonat danken. Ihre Anteilnahme und Ihr Verständnis haben mich sehr getröstet.

Mail an J.

Wir sind im Moment beide bedrückt. Für M. ist es sehr schwierig ins Altersheim zu gehen, auch wenn es jeweils nur für zwei, drei Stunden ist. Und ich habe niemanden gefunden, der, respektive die, bereit wäre oder es sich zutrauen würde, einen dementen Menschen zu Hause zu betreuen. Andererseits hat sich unser Leben beruhigt, seit ich nun weniger auswärts arbeite.

Mail von J.

Der Besuch bei Euch, unser Zusammensein, hat mich erfreut, weil es schön war Euch wiederzusehen, aber halt auch erschüttert, weil mir wieder so deutlich wurde, in welch schwieriger und trauriger Lage Ihr seid. Ich sehe, wie Du Dich am Rande Deiner Kräfte bewegst und ich sehe bei M., wie so überhaupt keine Einsicht in die Krankheit möglich ist – ein verbreitetes Phänomen bei alzheimerkranken Menschen. Als Du mal draussen warst, sagte mir M., er brauche doch niemanden und wolle niemanden, denn schliesslich sei er ja gesund. Als er dann kurz von seinen Aufenthalten im Pflegeheim berichtete, hatte ich den Eindruck, nicht mehr die totale Ablehnung herauszuspüren. Vielleicht kann er sich ja doch langsam an diese Aufenthalte gewöhnen, so dass es niemanden zusätzlich für zuhause bräuchte. Ich weiss es nicht, es ist nur so eine Idee. Es ist oft schwierig, wenn wir in Ms. Anwesenheit nicht offen miteinander sprechen können.

Wir bleiben auf jeden Fall in Kontakt. Ruf mich an, wenn Dir danach ist, wann auch immer.

Mail an J.

Ich danke Dir für Deine lieben Worte. Weisst Du, es ist nicht eigentlich die Lage, in der wir uns befinden, die soviel Kraft braucht, sondern die Trauer über das Verlorene, das immer mehr wird, und dies schon seit einiger Zeit und mit der Aussicht auf noch mehr Verlust. Manchmal bricht es mir schier das Herz und in meinem Bauch zieht sich alles zusammen, wenn die Situation surreal und aus der Verwirrung heraus so abstrus ist, dass ich mich gar nicht mehr heimisch fühlen kann. Ich versuche dann nur noch auf das Unbegreifliche zu reagieren.

‚Ausserhalb meiner selbst‘ komme ich mir die meiste Zeit vor, aus der eigenen Fremde heraus. Und das immer gleiche Thema, um das sich unser Leben nun dreht: das Heim, das Heim, das Heim, warum, warum, warum, – jeden Tag, und immer wieder. Das zermürbt. Und dass M. keine Einsicht zeigt: Stell Dir vor, es wäre ihm bewusst, dass er den Verstand verliert! – Es wäre eine noch grössere Tragödie, als sie es jetzt schon ist. Nein! Gut, dass er nur am Rande realisiert, was mit ihm passiert!

Heute war wieder ein Arbeitstag, und er ist mir zuliebe die drei Stunden ins Heim gegangen –, und heute Abend höre ich wieder den Sermon darüber, dass das doch eigentlich nicht nötig sei. Ja, der Schutzwall ist dick, G.s.D. Aber dem standzuhalten, erfordert Kraft. Und auch M. ist geschlagen und bedrückt. – Mist!

Gestern sind wir auf einer Bank über dem Fluss auf der anderen Seite der Brücke gesessen und haben Kuchen gegessen und unseren ‚Granatapfel-Wein‘ getrunken. Das war schön. Ich will mehr solche ‚Pflöcke‘ in unseren Alltag schlagen und mehr mit ihm raus gehen und uns Luft und Raum verschaffen und Gemeinsamkeit. Ich bin sehr froh um unsere Freundschaft, und ich werde Dir gerne telefonieren. Hab’ Dank!

Mail an die Hausärztin

M. ist die Woche vom 9. Oktober im ‚Ferienzimmer‘ im Altersheim und wird von Frau Dr. S. im Krankheitsfall betreut. (Ich bin an einer Messe.) Würden Sie bitte veranlassen, dass Frau Dr. S. die Unterlagen meines Mannes zugestellt werden.

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Nun bin ich wieder vom Ausland zurück und sehe, wie dir die Einsamkeit im ‚Ferienzimmer‘ den Blick getrübt hat. Deine Verlorenheit blickt mir auch noch in den Tagen nach meiner Rückkehr entgegen, und ich versuche, unter meiner Schuld nicht erdrückt zu werden.

Sonst bist du immer an Messen mitgekommen. Doch an der letzten haben dich die vielen Eindrücke und die Betriebsamkeit so verwirrt, dass du angefangen hast, dich gegen meine Kunden zu wehren wie gegen eine Bedrohung.

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Mail an die Hausärztin

Gerade habe ich mit der Pflegeleiterin des Altersheims telefoniert. M. war ja letzte Woche dort im ‚Ferienzimmer‘, weil ich weg war. Er sei sehr anspruchsvoll in der Zuwendung. Er habe Verlustängste und leide unter einer grossen inneren Verlorenheit. Dies hat er schon seit einiger Zeit, das wissen wir. Ich möchte Sie nun bitten, ob Sie nochmals mit dem Gerontopsychiater Kontakt aufnehmen könnten, um zu beraten, ob nicht ein anderes Antidepressivum eine Besserung brächte.

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir noch vor unserem nächsten Termin bei Ihnen eventuell ein Rezept zusenden könnten (falls Sie und der Gerontopsychiater zum Ergebnis kommen, dass man nochmals ein Medikament probieren sollte).

Winter

Du nimmst nun seit drei Monaten dieses Alzheimer-Medikament, und ich versuche deine Auffassungsgabe von vor der Einnahme mit dem Jetzt zu vergleichen: Ist da wirklich eine Verbesserung festzustellen, oder bilde ich sie mir nur ein? Hat sich deine Erkrankung wirklich verlangsamt, und bist du morgens wirklich weniger verzweifelt als vorher?

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