2020 – Die Wandlung

Der Mechanismus

96

Winter

Im Gericht der Mütter 
Du Fragezeichen, das überall den Makel sieht, kriechst auf deinem Kontrapunkt über den harten Boden und suchst eine Antwort in deinem Keller.
Nein, das Neue Jahr beginnt nicht gut! Das alte setzt sich fort, und du hältst deinen Schädel, diesen grossen Schädel, weil er sonst auseinanderbräche.
Und dein Mann, dein Mann fehlt dir in den Eingeweiden, und du verlierst dabei das Gleichgewicht. Ortlose. Im Niemandsunland vergräbst du dich, denn deine Höhle ist kein Zuhause.
Alles musstest du aufgeben: den Mann, das Haus, das Dorf, und Freunde, aber dich zuerst.
Du Unfassbare, wo bist du? Wohin gehörst du, Niemandsmensch, die du in deinen Fesseln liegst? Du bist all die Jahre deinen verdrehten Träumen vom Paradies nachgehangen, und dann, Elende, durch eigene Schuld in deinem Gefängnis gelandet. Und dein Mann ist freudig mitgegangen auf deinen Höllenreisen, da das Leben ja bezahlt sein musste.
Nun hat er einen Ausweg aus seiner Gegenwart gefunden und lässt dich sitzen.
Und da stehst du nun wie ein nacktes Kind unter dem Himmel und weisst nicht weiter, weil sich kein Weg zeigt und kein Pflaster dich mehr trägt. Alles löst sich auf. Du könntest hinausgehen ohne Gepäck und gingest verloren, ohne dass man es merkte, und das wäre nicht weniger leer, als die Leere, in der du dich gerade befindest.
Der Ort, die Sehnsucht, die Tagträume, die Einsamkeitsselbstgespräche, die Begegnungen, die Einladungen, alle sind sie Illusion, da dein Kern, zugeschüttet seit Kindertagen, niemals berührt wird davon.
Du drehst dich um dich selbst im Wirbelsturm, der dein Leben niedermäht, oder besser: das, was du bisher als dein Leben bezeichnet hast. Es wird mit den Wurzeln ausgerissen, und du kannst nur darauf warten, dass der Sturm vorbeizieht, und dich deine Trümmer umgeben in Stille und zerstörtem Neubeginn.
Bete für die, für die du meintest, sorgen zu müssen und bete für deine Freiheit.

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„Ich möchte so sein wie du!“ sagst du. – (Und wie manches Mal wollte ich so sein, wie du, in den Jahren, als wir zusammen waren!…) „Du bist so wie ich. Du bist hier drin genauso wie ich.“ Und ich lege dir meine Hand aufs Herz.

Jedes Mal, wenn du sagst: „Meine Frau sollte heute noch kommen“, sage ich: „Ich bin hier, ich bin deine Frau.“ Aber mir ist seit langer Zeit die Selbstverständlichkeit abhanden gekommen zu sagen: „Ich bin deine Frau.“

Vielleicht habe ich uns als Paar verloren, als du im Winter vor zwei Jahren in langen Unterhosen, Pullover und Pantoffeln, auf der verschneiten Dorfstrasse herumgeirrt bist und mich vor dem Gemeindehaus gesucht hast, während ich in einer Sitzung sass. Vielleicht habe ich dich und mich verloren, als ich aus der Fassung geriet, bei jedem Schritt, den du tiefer in deine Welt tatest. Vielleicht erkannte ich mich nicht wieder als deine Frau in der erzwungenen Rolle der Pflegenden. Vielleicht aber auch, weil ich schon lange nicht mehr mit dir im gleichen Bett liege.

Und vielleicht ist dieser Bericht, sind diese zu Mauern verbauten Sätze der sinnlose, bittere Versuch, diese Ehe noch stützen zu wollen, obwohl unsere gemeinsame Zeit bei dir im Heim auch nicht süss wird, wenn wir unsere Köpfe zusammenstecken, und ich deine Hand halte, und du meine küsst.

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„Wir sind frei“, hast du oft gesagt. Doch eigentlich war ich wohl frei, weil du frei warst. Nun suche ich den Weg in mein eigenes Leben, lasse mich von dem tragen, was ich nicht kenne, ohne Absicht, ohne Hintergedanken. Und ich bete darum, dass ich dabei nicht untergehe.

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An diesem Morgen fällt ein Strahl durch den Winternebel und spiegelt sich in der Schneedecke, die auf dem Garten liegt. Das Licht ist nicht grell, nicht blendend. Es scheint durchs grosse Fenster der Küche und umfängt mich mit seiner Wärme.

Mir ist, als ob ich eine unbeschriebene Matrizze wäre. Man müsste mich bloss in eine Umgebung stellen, und schon wäre ich deren Kopie; aber immer in Gefahr fehlerhaft zu sein, immer in der Angst vernichtet zu werden, weil ich doch nur ein Abbild bin – nachgemacht.

Es fehlt an allem, was wirklich ist; und es fehlt die Ruhe – die Ruhe.

Doch jeder Versuch einer Erklärung, weshalb es so gekommen ist, wie es ist, verhindert, dass ich bin.

Ich habe das Internet abbestellt. Die Versuchung, in diesem Netz, das mich nicht hält, Halt zu suchen, ist zu gross.

Ich gehe nicht so weit, einen Sinn in dieser Zeit zu suchen. Ich bin schon froh, wenn sich vielleicht ein Pfad abzeichnet – ein Pfad für mich, für dich. Du fragst: „Darf ich wirklich sagen, was ich nicht will, darf ich ‚nein‘ sagen?“

Denn du warst zeitlebens vorsichtig mit Nein-Sagen, so als ob du befürchtetest, andere zu verlieren (auch mich) und im ‚Nein‘ allein dazustehen. Dass dir nun das ‚Nein‘ eine Frage ist, zeigt mir, dass auch du auf einem Weg bist.

Ich habe die DVDs weggeworfen – alle. Ich will nicht mehr in fremden Geschichten leben.

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Ich reihe hier Erlebnisse, Gespräche aneinander, als ob sie Kristalle auf einer Kette des Schicksals seien, die mich in die Tiefe der Verheissung führt. Ich hangle mich ihr entlang durch Schichten und Sphären, in denen mir deine Welt entgegenkommt.

Noch kann ich erkennen, was mir begegnet, noch erreiche ich dich im Grund unserer Leben.

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„Manchmal stehe ich in der Nacht auf und schreibe“, sage ich. Du öffnest die Augen und strahlst mich an: „Das ist wichtig!“, sagst du. „Das ist wichtig!“

„Ich will abschliessen“, sagst du. – „Was willst du abschliessen?“ – „Alles!“, sagst du. Und dann erklärst du mit Heftigkeit: „Die Liebe, die Liebe ist das Allerwichtigste!“ Und ich entgegne: „Das Allerwichtigste für mich ist, dass du mein Mann bist.“

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Wenn uns der Himmel sein Licht schickt, und wir uns im Gespräch begegnen, einen Moment lang, kurz, mutet es mich an, als ob dieses Licht durch die Jahre deiner Krankheit bis zu den Menschen hindurchscheine, die wir einmal waren. Und dann sehe ich dich.

In den Nächten fliegt mir aus der Dunkelheit mein verschüttetes Leben entgegen, und was ich davon in Worte fassen kann, spreche ich in mein Diktiergerät. Und an den Tagen schreibe ich in meine Kladde, was mir die Nächte zugetragen haben. –  Was sind das für Nächte! Und was sind das für Tage!

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Ich habe immer dafür bezahlt, um irgendwo mitmachen zu dürfen. Ich habe auch dafür bezahlt, dass dieses ernsthafte Kind, das für die Andern da war und allein, einmal, wenigstens als Erwachsene, Leichtigkeit und Lust erleben konnte, wenn auch immer mit einem Hauch von Unterwürfigkeit und dem Bemühen um Brillanz. Doch nun werde ich durchschaut, – vielleicht, weil ich mich allmählich selbst durchschaue –, und weil die Absicht hinter den vorgeschobenen Projekten immer deutlicher eine unlautere ist.

Und wenn ich mich tiefer in meine Beweggründe hineingrabe, erkenne ich, dass ich mich auch dir gegenüber andiente, nicht weil du mir dafür Anlass gegeben hättest, sondern weil eine Grundangst des Ungenügens in mir war. Ich wollte meine Brauchbarkeit beweisen, und habe mich dafür in den Kollektiven der Mütter aufgerieben.

Wärst du bei mir geblieben, wenn ich nur einfach dagewesen wäre, ohne zu sein und zu leisten, was ich meinte, sein und leisten zu müssen? Wärst du bei mir geblieben, wenn ich dich einfach nur geliebt hätte?

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Deine Frau, deine andere Frau, die im Boden lebt, bringt dort deine Sachen zu Ende, und wenn alles erledigt ist, „dann ist fertig“, sagst du: „Dann ist fertig.“ – „Die andere Frau ist immer bei dir, auch wenn ich nicht da bin. Sie hilft dir“, sage ich.

„Ich werde am Montag wiederkommen.“ Und du fragst: „Darf ich dann auch dabeisein, wenn ihr zusammen seid?“ – „Mit wem bin ich am Montag zusammen?“ – „Mit der Frau“, erklärst du: „Wenn du mit der Frau zusammen bist.“ – „Aber du bist doch die Hauptsache“, entgegne ich. „Du musst dabei sein!“

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Die sechs Wochen der Schonung deines Beins sind vorbei, und du kannst wieder gehen: gebeugt, ein Greis, und sehr klein, aber du kannst wieder gehen. Du kommst mit vorsichtigen, kleinen Schritten auf mich zu. Ich nehme dich in die Arme, und mir ist das Herz warm, auch wenn da ein Abschied ist, denn du realisierst nicht, wer dich in die Arme nimmt.

In mir weint es und in mir lacht es.

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Ich muss aufschreiben, was du mir diktierst: „Jedes Mal, wenn es zusammenkommt, ist es eine lustige Sache, dass wir etwas machen, schnell machen. Am Schluss kommt die Frau noch.“

Seit zwei Tagen öffnest du die Augen nicht mehr. Wahrscheinlich ist deine Gallenblase wieder entzündet. (Darauf werde ich die Stationsleiterin hinweisen.)

Ich erzähle dir, dass ich vier Butterzöpfe gebacken habe, und du lächelst. „Ich bin deine Frau“, sage ich. Und du fragst: „Ja wirklich?“ – „Mach deine Augen auf, dann siehst du mich.“ Später machst du die Augen ganz kurz auf und schaust, ob ich es bin.

„Bist du traurig?“, frage ich, und du bejahst. „Wir beide durchleben eine schwierige Zeit, aber eine wichtige Zeit“, sage ich: „Wir sind auf dem Weg zu dem, was in uns ist, und mit geschlossenen Augen sieht man dies manchmal genauer, als mit offenen.“ Du sagst: „Es geht nicht anders, sonst fällt alles zusammen.“
„Wir können nur Geduld haben und abwarten, was der Himmel für uns bestimmt.“ Und da sagst du: „Aber nicht mehr lange, nicht mehr lange! Ich weiss jetzt alles!“ Später sagst du: „Ich kann nichts mehr tun!“ –
„Es fällt mir schwer zu gehen“, sage ich. „Du bist gut, und ich danke dir“, sagst du. „Und du bist gut, und ich danke dir.“

Du hattest Fieber und Schüttelfrost, und der Arzt bestätigt meine Vermutung: Die Gallenblase ist wieder entzündet.

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Fortwährend und unruhig denkt es in mir, nimmt die Zukunft voraus, noch bevor sie Gegenwart wird. – Ich komme mir vor wie ein Vogel, der seinen Kopf immerzu hin- und herrucken muss, um eine Bedrohung sofort wahrnehmen zu können.

„Ich suche meinen Weg“, sage ich. „Aber das ist sehr schwierig.“ – „Mach’ dir keine Sorgen. Du musst nicht überlegen, mach’ es einfach!“, antwortest du.

Im Traum schreibt eine übergrosse Hand mit Kugelschreiber in den Schnee: „DORT WO DU NICHT BIST, BIST DU MIR AM NÄCHSTEN.“

Im Ursprung meines Daseins steckt etwas Verborgenes, das sich mir nicht zeigt, das ich aber erahne und erschreibend finden will. Doch schon nach den ersten Seiten einer Aufzeichnung stosse ich in mir auf Widerstand. Es scheint, als ob ich am Abgrund meiner eigenen Geschichte stünde und mich vor dem Hinuntersteigen scheute. Tagelang bleibe ich dem Schreibtisch fern, verliere mich in Träumereien und vergehe über der Sinnlosigkeit vertaner Zeit.

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Im Traum geht zwei Mal das Licht im Nebenzimmer an und wieder aus. Ich liege im Bett. Ich müsste nachsehen, wer da ist und rede mir zu: ‚Ich habe den Mut, ich habe den Mut!‘ Ich stehe auf und schaue nach. Aber da ist niemand. Ich will deinen Namen rufen, damit du dich mir zeigst. Aber er bleibt mir im Mund verschlossen. Nur erstickte Laute kommen aus meiner Kehle. Und so wache ich auf: Ich versuche ins Kissen deinen Namen zu rufen und bringe den Mund nicht auf.

Im Traum war niemand da, aber das Licht ging an.

Dieser Bericht ist eine Abrechnung über meine Liebe, die rein gemeint ist und ausserhalb der Konvention, doch innerhalb des Unvermögens.

"Ich liebe dich", ist die Beschwichtigungsformel:
"Ich liebe dich – und du bist geschützt.
Ich liebe dich – und es geht dir gut.
Ich liebe dich – und dir passiert nichts.
Ich liebe dich – und du bist  es wert geliebt zu werden."
Und dann die erwartete Drohung: "– wenn du meinen Vorstellungen entsprichst…!" – Das ist die eigentliche, das ist die eigene Hölle!

109

Frühling

„Ich bin ein Idiot“, sagst du. – „Was plagt dich?“ – „Sie machen, und ich muss machen, was sie machen.“ Du sitzt geduckt, wie resigniert, neben mir auf der Parkbank. „Ich kenne mich nicht mehr, ich weiss nicht mehr, wann nein“, sagst du. „Es ist oft schwierig wahrzunehmen, was man wirklich will“, sage ich. Du nickst. „Manchmal hat man auch Angst, dass jemand wütend wird, wenn man nein sagt.“ – Du nickst wieder. „Die Leute hier haben sehr wenig Zeit. Sie haben Vorschriften, an die sie sich halten müssen und sie stehen unglaublich unter Druck und sagen dir deshalb, was du machen musst.“ Du schaust mich mit grossen Augen an. Und ich bin nicht sicher, ob du den Zusammenhang deiner Überforderung mit der der Pflegenden erkennst.

„Ich will, dass es so bleibt, wie es ist. Ich will, dass es nicht schlimmer wird“, sagst du. – „Befürchtest du, dass es schlimmer wird?“, frage ich. Und deine Antwort: „Nein, eigentlich nicht, und wenn es so kommt, muss ich es auch aushalten.“ – …Und ich muss dem allem ohnmächtig zusehen! Himmel, lass’ es nicht soweit kommen, dass M. in Agonie verfällt. Ich flehe dich an. Doch wenn es sein muss, werde ich mich auch dort hinein ergeben, so wie er es tut.

Auf dem schwarzen Sessel liegend, sagst du nocheinmal, du möchtest, dass es so bleibt, wie es ist. „Wir wissen, dass sich das Leben verändert – immer –, und es ist für uns Menschen schwierig dies hinzunehmen“, flüstere ich dir ins Ohr. „Aber dich hab’ ich lieb. Und: Alls was gschieht, isch guet“, sage ich. „Ich gehe diesen Weg mit dir. Du bist nicht allein.“ – „Du bist auch nicht allein“, sagst du. Und das stimmt für den Moment.

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Fazit: Ich meinte immer, es stünde mir eine Position in den Kollektiven der Mütter zu, eine Position in diesem Beruf mit – eigentlich – gesellschaftlichem Rang. Aber da ich eine ohne Rang bin, ist für mich alles, was mich in der bürgerlichen Welt hält, gefährlich, doch unbedeutend.

Ich meinte lange, der Himmel habe dich mir geschickt, und du seist meine andere Hälfte. Und nun erkenne ich, dass wir uns die längste Zeit Spiegel waren und nicht Fügung, was uns erschwerte, den Schritt zu uns selbst zu tun: du zu dir, und ich zu mir.

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„Ich bin ein Idiot“, sagst du wieder und jetzt willst du eine Antwort von mir. – Ich nehme deinen Kopf zwischen meine Hände: „Hier verändert es sich“, und lege meine Hand auf dein Herz: „Aber hier ist es immer noch gleich.“

Später sagst du: „Es ist wichtig zu leben.“ – „Ja“, sage ich: „Das liebe ich an dir, dass du dein Leben leben willst.“ – „Aber du auch“, sagst du: „Du lebst auch.“

Wieder ein Moment, in dem uns der Himmel ein Licht schickt.

112

Nachts hat sich mir die versenkte Wahrheit mit einer Ungeheuerlichkeit gezeigt, die dieses Kind nicht erkennen durfte. Und nun kann ich am Text des Ursprungs weiterschreiben.

113

Du empfängst mich mit einem Scherz: Du liegst im schwarzen Sessel und tust verwirrt. „Ich glaube, ich bin gestorben“, sagst du; dann schlägst du die Augen auf und lachst mir ins Gesicht.

114

Du bist im ‚Ferienzimmer‘ isoliert, weil man befürchtet, du seist infiziert mit dem Virus, das sich weltweit ausbreitet. Aber es ist wie so häufig: Schüttelfrost und hohes Fieber, und am nächsten Tag bist du wieder gesund. Wie oft habe ich das in all den Jahren erlebt!

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„Ich bin einfach da“, sagst du. Und wenn ich dir sage, dass ich dich liebe, sagst du: „Das ist schön.“ – „Das ist schön“, sagst du und lächelst, wenn ich dich umarme und meinen Kopf an deine Schulter lege. „Ich muss nur noch sein“, sagst du.

Ich begleite dich zum schwarzen Sessel, wo ich mich von dir verabschiede. Beim Zurückschauen ziehe ich mir die Jacke an, und du hast deine Augen, dein Gesicht schon wieder verschlossen. Ich gehe, als ob ich nie dagewesen wäre.

Licht flirrt über meine trockene Steinwiese
und Hitze durchsummt mich
unter dem wilden Blütenbaum
Ich schlüpfe unter die Grasnarbe
den kühlen Tod im Nacken
der mich drängt aufzustehen
und meine Füsse in die scharfen Halme
zu stemmen

Ein unerwarteter, brüsker Schnitt in unsere Nähe, – ein Schnitt, der zerfetzte Sätze hinterlässt: Zehn Wochen der Dunkelheit, zehn Wochen der Entfremdung, zehn Wochen lang nur Telefonate, – zehn Wochen auf dem Weg in unsere eigenen Welten.

Das Heim hat sich isoliert. Ich habe keinen Zutritt mehr zu dir und telefoniere dir jeden Tag in der Hoffnung, dass du nicht realisierst, wie lange ich wegbleiben werde.

In diesen Wochen sitze ich nachts im Bett, und der Wirbel in mir hört unvermittelt auf sich zu drehen, so plötzlich, dass ich die Stille in mir wahrnehmen muss. Ich lese: „Liebe aus Pflicht“, – ein Aufruf, hinter die Wahrheit zu kommen.

In diesen Wochen träume ich von der Hirtin in ihrem langen dunkelbraunen Filzmantel, die mit ihren beiden Hunden vom Dorf her über den brachen Acker herabschreitet und dann dem Kornfeld entlang, weiter unten über eine gemähte Wiese, auf deren rechter Hälfte das Gras noch steht. Die Luft scheint kühl zu sein, doch das Wetter ist gut. Die Hirtin prüft das Gelände daraufhin, ob sie später ihre Herde dort durchtreiben kann. Die Hunde rennen ihr voraus und bellen, als ob sie übten die Schafe zusammenzuhalten.

In diesen Wochen lese ich in der Zeitung den Nachruf für Michel Piccoli und erinnere mich an meinen vierzigsten Geburtstag, als wir in Paris waren, und du Piccoli an einer Strassenkreuzung erkanntest. Die Ampel stand auf Rot, und er wartete neben uns. Enthusiastisch lobtest du seine Schauspielkunst; du, der selbst vor Jahren in einem kleinen Theater Regie geführt hat. Piccoli sah uns erschrocken von der Seite her an, und sobald die Ampel auf Grün sprang, ergriff er die Flucht und eilte über die Strasse davon.

In der Zeitung stand auch, dass er auf seinem Anwesen in der Normandie gestorben ist, ganz in der Nähe, wo deine Cousine ein Gut hatte, auf dem wir manchen Sylvester feierten und im neuen Jahr jeweils den Sandstränden entlang wanderten, die Tide kommen und gehen sahen, und in der kleinen Hafenstadt, durch deren Kanal die Fischtrawler dem Meer entgegenwankten, Meeresfrüchte und Fisch einkauften.

In diesen Wochen erkenne ich, dass deine Krankheit dich vor den Ansprüchen der Andern schützt. „Ich halte es nicht mehr aus“, rufst du durchs Telefon: „Ich weiss nichts mehr.“ Und es ist an mir, der Anderen, einen Zugang zu dir zu finden.

In diesen Wochen begegnet man meiner Trauer mit Floskeln, die fast fromm klängen, wenn hinter dem ‚Richtig‘ oder ‚Falsch‘ nicht ein Selbstbild zu retten wäre: „Ich denke positiv.“ – „Ich denke lieber, dass schon alles gut kommt.“

In diesen Wochen frage ich mich, weshalb ich alles aussprechen, weshalb ich alles ans Tageslicht zerren, und weshalb ich auch in mir das Verborgene suchen und ausgraben muss. Wer will mit so jemandem leben! – Jetzt, wo du nicht mehr mit mir lebst.

In diesen Wochen ist die Zeit der Bereinigungen und Abschiede gekommen!

In diesen Wochen formuliere ich eine gewagte These: Alkohol ist das zweite Ich, das einen in den Arm nimmt, wenn man alleingelassen ist.

In diesen Wochen gerät alles heftig, was ich mache, so, als ob meine Grenzen sich von mir entfernt hätten: überbordend, überschiessend, übers Ziel hinaus. Doch ich will wissen, worum es dabei geht und lasse dieses Ungestüm ins leben.

In diesen Wochen sitze ich im Wohnzimmer, und sehe den Raum auf einmal deutlich und klar und weiss, dass die Drohung der Mütter nicht mehr meine Welt bestimmt.

Aus dem Nebel unserer Tragödie, aus der Tiefe dieser Brühe, in die wir – und ich betone dieses ‚wir‘ – in die wir eintauchen mussten, steigt endlich hoch, was wirklich ist und wahr.

In diesen Wochen sagt jemand: „Eure Tragödie ist ein Wink des Himmels.“ Ja, das ist schön und recht gesagt. Aber so ein ‚Wink‘ bedeutet, dass man seine Botschaft erkennt, dass man den Schmerz annimmt, den er mit sich trägt.

In diesen Wochen führen wir eine endlose Kette von Telefongesprächen. Manchmal kannst du nicht mehr sprechen, oder nur Unverständliches, manchmal trägst du mir Nachrichten aus deiner Welt zu, die sich mir einbrennen, und die ich mit Dankbarkeit aus unserer Wirrnis klaube.

In diesen Wochen scheitern wir an der Ungewissheit, hinter der sich unsere Ängste verbergen:

° „Jetzt weint er! Wollen Sie weitertelefonieren?“, fragt die Pflegerin ungeduldig. Ich will dich trösten, aber sie behält das Telefon bei sich. „Sie machen das sehr gut!“, sagt sie. (Anscheinend hat sie den Apparat während unseres Gesprächs auf ‚laut‘ gestellt und alles mitgehört.) Dann erzählt sie mir, dass auch sie von ihrem Mann und dem Sohn im Ausland getrennt sei, und wie schwierig das alles sei.

 – Sitzt du jetzt neben ihr und hörst, was sie mir erzählt? – Was für ein trostloses Chaos!

° Die Pflegerin von gestern berichtigt: ich hätte dich schon während des Gesprächs getröstet, als du über unsere Trennung weintest. Falls sie mich verwirrt hätte, entschuldige sie sich dafür.

Die Frau ist fremdsprachig und spricht mit starkem Akzent hochdeutsch. Dieses ‚Missverständnis‘, wie sie sagt, hat mir eine schlaflose Nacht gebracht mit Selbstvorwürfen, weil ich meinte, dich in deiner Trauer alleingelassen zu haben.

° Etwas ist passiert, das du nicht verstehst: „Warum kann ich nicht zu dir kommen?“, fragst du eindringlich und verwirrt.

° Man berichtet mir, dass die Nachtwache dir ein Beruhigungsmittel geben musste („…nur ein Halbes!“), weil du sehr lange nicht einschlafen konntest. Noch den ganzen nächsten Tag bist du betäubt und abends am Telefon klingst du wie ein gemartertes Tier.

° Die Pflegerin mischt sich immer wieder in unser Schweigen ein, während sie dir das Handy ans Ohr hält. Sie flüstert dir ein: „Sagen Sie Hallo!“

Du sagst: „Ich bin nur noch klein. Ich kann nichts mehr machen.“ – „Du bist ein grosser Mensch, ein menschlicher Mensch“, insistiere ich. Doch du findest deine Worte nicht mehr und weinst darüber.

Man kann mit dem Telefon, diesem Hilfsmitteln der Distanz, keine Nähe zu Demenzkranken schaffen! Es bringt keinen Trost!

° Seit vier Tagen ist meine innere Verbindung zu dir wie versperrt, und ich kann mit dir nicht mehr telefonieren. Doch auf diese Weise löse ich unser Problem der Entfremdung nicht!

° „Du bist mehr du, und ich bin mehr ich“, sage ich am Telefon. „Diese schwere Zeit lehrt uns das.“ Du fragst mich: „Was denkst du? Du weisst es besser.“

° „Es ist alles anders. Es hat sich alles verändert“, sagst du. – „Ja, das ist so.“ – „Ich kann nichts mehr. Ich kann dir auch nicht telefonieren, ich habe Angst.“ – „Ich werde dir telefonieren. Das kann ich noch.“

° Eine Pflegerin flüstert dir wieder ins Ohr, was du mir sagen sollst: „Sagen Sie Hallo.“ Es ist Ostersamstag und du sagst kein Wort. Auch nicht das, was man dir vorsagt. Ich habe Angst, dass ich dich nicht mehr erreiche, dass die Isolierung deine Krankheit vorantreibt, wie sie meine Einsamkeit vorantreibt.

Diese Virus-Vereinzelung ist ein Verstärker für das Leid, das da ist. Aber das Schlimmste ist, dass du nicht mehr mit mir sprichst. Und damit du merkst, dass ich überhaupt da bin, muss ich die ganze Zeit reden. Ich erzähle irgendwelche Nichtigkeiten, wie ein Dummerchen, das gegen das Schweigen anplappert, – Alltäglichkeiten, die dir nichts mehr sagen und mir nichts bedeuten! Ich rede schneller und schneller, und die Pflegerin flüstert dir die ganze Zeit etwas zu. – Welch unwürdige Hilflosigkeit! Jedoch, wenn ich nicht mehr telefoniere, vergisst du mich ganz…!

° Heute sprichst du wieder: „Es ist schwer zu ertragen“, sagst du. – „Du fehlst mir“, sage ich: „Ich hoffe, dass ich bald wieder zu dir kommen kann.“ – „Das wäre schön“, sagst du.

Die Stationsleiterin flüstert dir ein, mich zu fragen, wie es mir gehe. „Das will ich gar nicht wissen!“ Heftig und laut wehrst du dich, – und ich freue mich über dein deutliches Nein.

° Ich richte dir Grüsse von deinem Bruder aus. „Er denkt an dich“, sage ich, „und ich denke auch an dich.“ Deine Reaktion überrascht mich: „Ich kann nicht mehr, ich muss dir das sagen, ich kann nicht mehr!“ Und dann legst du das Telefon weg.

° Ich weine, weil du mir fehlst, und du überlegst hin und her, was du machen kannst, damit ich nicht mehr weinen muss. „Ich geh’ jetzt einfach durch diese Tür da und komme zu dir“, sagst du, und ich halte dich durchs Telefon von deinem Plan ab vom Sofa aufzustehen, denn du könntest stürzen.

Ich erkläre dir, weshalb die Trennung nötig ist. (Unzählige Male habe ich es dir schon erklärt.) „Dann ist es besser, wenn ich hier bleibe“, sagst du. „Ja, und ich bleibe hier bei mir.“ – „Ich könnte ja zu dir kommen“, schlägst du mir vor. Und ich erkläre dir wieder, weshalb das nicht geht, und plötzlich fragst du: „Wer ist eigentlich diese Frau?“ – „Es ist deine Frau.“ – „Dann ist gut“, sagst du.

° Ich frage dich, ob du am Morgen schon im Garten warst, aber du weisst es nicht mehr. Dann höre ich dich schimpfen, wie du früher geschimpft hast, wenn etwas nicht so ging, wie du wolltest. Die Stationsleiterin ist plötzlich am Apparat: „Es ist halt nicht so einfach mit dem Telefon in der Hand über die Türschwelle zum Garten zu kommen.“ Und ich juble, weil du meine Frage, – unerwartet für mich –, verstanden hast und mir zeigen willst, dass du im Garten bist.

° „Das und das muss noch gemacht sein. Aber das ist schwierig, und ich muss warten, weil ich gar nichts mehr weiss. Ich muss warten, was sie machen. Manchmal sagen sie mir Sachen, die ich machen muss.“ Und es ist klar, dass du nicht gerne machst, was sie dir sagen. „Ich will das nicht, aber ich versuche es.“ –  „Und wenn es dann nicht geht, dann sagst du, dass du es nicht willst.“ Ja, so willst du es machen.

° „Ich sitze nicht gerne allein am Tisch“, sagst du. Du bist der Einzige, der beim Essen an einem kleinen Tisch sitzt. Die anderen essen an der grossen Tafel. „Möchtest du denn gerne bei den anderen sitzen?“ – „Die sind alle ein bisschen wenig interessant“, findest du. Und so ist dein Problem nicht zu lösen.

° „Da liegt etwas, das man nehmen kann und fertig machen muss. Da ist eine, die macht etwas und meint sie sei die Schönste!“ – „Vielleicht ist sie ja die Schönste, wenn sie das macht“, entgegne ich. „Nein, nein, auf gar keinen Fall! Das ist sie ganz sicher nicht!“

° „Wir sind noch da. Wir leben noch“, sagst du.

° „Ich kann nicht mehr“, flüsterst du durchs Telefon. Die Stationsleiterin versucht zu vermitteln: „Vielleicht ist der Zeitpunkt in einer halbe Stunde günstiger.“ – „Wenn es heute nicht geht, rufe ich morgen wieder an“, entgegne ich: „Das ist besser.“ Und ich merke: In meiner Reaktion schwingt Enttäuschung mit. Ich merke: Ich bin immer noch Teil eines Paars.

° Du fragst mich, wo ich wohne, und ich beschreibe es dir. Dann erzählst du in wirren Sätzen, dass etwas schwierig ist. „Wann kommst du“, fragst du unvermittelt und hörst mir zu, wie ich dir zum x-ten Mal erkläre, weshalb ich jetzt nicht zu dir kommen kann. Dann sagst du: „Es ist wichtig, dass die Leute wissen, wer ich bin.“ – „Ich weiss, wer du bist.“ – „Weisst du auch, wer die andere Frau hier ist?“ fragst du. „Ja, ich kenne die Menschen, die bei dir sind. Es sind gute Menschen. Ich wäre sonst nicht einverstanden, dass du bei ihnen bist.“ Ich will den Hörer schon auflegen, als ich realisiere, dass du noch etwas sagst: „Wart’ schnell!“ sagst du: „Wo wohnst du?“

° Aus deiner Welt heraus sagst du unvermittelt: „Die einen machen Gutes, und die anderen können nicht einmal schauen.“ Ich vermute, dass die ‚anderen‘ Bewohner sind, wie du einer bist. Du erzählst mit grosser Eindringlichkeit etwas, das ich nur der Spur nach verstehe. Einmal sagst du: „Ich möchte nach hause, das wäre am schönsten.“ Und dann sagst du: „Hier ist es sehr gut, und die Leute machen dies und das, aber ich weiss nie, was als nächstes passiert.“ Wir sprechen über fünfzig Minuten miteinander. Immer wieder kommt eine Pflegerin, um nachzusehen, ob ich noch am Telefon bin. Und du redest und redest. Und auf einmal fragst du: „Bleiben die denn auch zuhause?“ – Aha! Das ist die Angst: Bleiben die Pflegenden auch zuhause, wie ich zuhause bleiben muss? „Die Regierung befiehlt diesen Leuten, zu dir zu kommen! Ich darf nicht zu dir kommen, aber sie müssen zu dir kommen! Sie lassen dich nicht allein.“

Ich bin nicht sicher, ob du meine Erklärung nachvollziehen kannst.

Nach einer Weile rufe ich das Heim erneut an und erzähle der Stationsleiterin von deiner Angst, damit sie weiss, was dich beschäftigt.

° Ein Gegenstand steht vor dir auf dem Tisch, vielleicht ein Trinkbecher oder etwas ähnliches. Er ist dir ein Problem, denn er fordert dich auf, etwas mit ihm zu machen. Du erklärst mir genau, was du machst. Du schilderst es mir so, wie du es gerade erlebst. Und es ist, als ob ich neben dir sässe.

° Nichts an mir ist mehr echt, nichts wirklich. Ich buhle, damit du wenigstens ein, zwei Worte sagst. Ich erzähle dir aus meinem Alltag all diesen oberflächlichen Mist! Ich versichere dir, dass du nicht sprechen musst, auch wenn dir die Pflegerin im Hintergrund schon wieder vorsagt, was du sagen sollst. Ich erzähle dir irgendetwas Unbedeutendes, und plötzlich sagst du: „Ja, ich hab’ das auch“, und dann erzählst du mir aus deiner Welt, und wir reden miteinander.

° Seit Tagen sprichst du wieder nicht mehr. Vielleicht hast du mich nach so vielen Wochen der Trennung vergessen, und ich existiere nicht mehr in dir.

Ich erzähle der Stationsleiterin, dass mich dein Schweigen bedrückt. Nach ein paar Minuten nimmt sie das Telefon wieder an sich: „Er lächelt zu dem, was er hört, und er nickt“, sagt sie.

Und so erzähle ich dir und erzähle und habe das Bild vor mir, dass du lächelst und nickst.

° „Wo ist sie?“ fragst du die Pflegerin. (Ich höre es durchs Telefon.) „Sie könnte doch herkommen, dann wären wir zusammen.“

„Etwas ist falsch“, sagst du. „Wir schlafen nicht im gleichen Bett.“ – „Das ist in Ordnung“, entgegne ich, und du nimmst es widerspruchslos zur Kenntnis.

Weshalb ich diese Gesprächsfetzen festhalte, – ich weiss es nicht. Vielleicht, um den Bruch zu verdeutlichen:

° „Brechen wir hier ab!“ sagst du und legst das Telefon weg. Ja, brechen wir hier ab mit Buhlen, mit Herzen, wo nur noch Distanz zu spüren ist! „Es ist jetzt genug!“, sagst du, und das ist ehrlich. Es ist genug, an einer Liebe festzuhalten, die nur noch mit einfühlsamer Anstrengung per Telefon zu beschwören ist!

Seit fast zehn Wochen darf ich nicht mehr zu dir.

So gebe ich dich in der Zeit der Trennung frei und mich ebenso.

In diesen Wochen folgen schwere Nächte aufeinander mit leichtem Schlaf, mit Aufwachen und düsteren Träumen. Es zeigen sich verborgene Ängste, die ihre Drohung nun verlieren: entpuppt, entblösst, entwirrt, entdeckt. – Das ist die Wandlung!

In diesen Wochen hat mich mitten in der Nacht die Erkenntnis geweckt, – schrecklich und wahr: Ich tauche in den Clan der Mütter ein, in unausgesprochene Verachtung, die die Ranglosen unter ihnen mit Schweigen erstickt. Doch die Totgeschwiegenen erzwingen sich Respekt: sie heiraten einen König, und sei es auch nur der König des Dorfs.

So fesseln sich die, die frei bleiben müssten an diejenigen, die unter sich bleiben wollen und geben den Zwang weiter an die nächste Generation, nur weil sie den Schmerz nicht aushalten, keinen Rang zu haben.

Dies ist der Schluss der Aufzeichnungen.

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