Nachher

Der Fund
							Du sollst dir kein Bildnis machen.

116

Frühling

Das Pflegeheim ist wieder geöffnet. Du siehst gut aus und zufrieden, und ich bin erleichtert darüber.

117

Traum:

Ein junger Löwe ist bei mir. Ich habe Angst vor ihm, gestehe sie mir aber nur widerwillig ein, weil der Löwe zu mir gehört. Da ist noch eine andere Person, die den Löwen sehr bewundert. Der Löwe kommt mir nah, und ich sehe, dass er ein kleinteiliges geometrisches Muster in Grün und Ocker auf dem Fell hat: Streifen von Dreiecken und dazwischen Linien. Auch sehe ich an seiner Schnauze Nähte. Die andere Person macht mir den Vorschlag, den Löwen aufzuschneiden und zu schauen, ob er wirklich ein Löwe ist. Dann liegt da die Löwenhaut aus Stoff, und darin alte Kleider und Tücher, mit denen sie ausgestopft war. Wie konnte sich der Löwe bewegen? Wie konnte er knurren? Die andere Person meint, es sei vielleicht ein elektronisches Teil im Kopf des Löwen gesteckt, das ihn gesteuert habe. – Dein Sternzeichen ist ‚Löwe‘, und ich habe Magenschmerzen.

118

Sommer

„Ich wäre bei dir geblieben, auch wenn wir nicht geheiratet hätten. Aber dann wärst du frei gewesen und hättest gehen können“, sage ich.

In einer deiner Taschenagenden fand ich vor einem Jahr Aufzeichnungen, die du auf kleinstem Raum darin notiert hast. Ich las, dass da eine unglückliche Liebe war. Und etwa einen Monat nach dieser Trennung kam ich und blieb. Auch das steht in deiner Agenda. Ich frage dich: „Ist diese Frau, die du nicht bekommen hast, die ‚andere Frau‘?“ – „Darüber will ich nicht nachdenken“, antwortest du und dann: „Sie kommen und kommen und kommen. Und die, die nicht blieben, gehen wieder.“ – …und ich bin geblieben.

Ich bitte das Heim, mich von jetzt an mit meinem Vornamen anzukündigen und nicht mehr als ‚Ihre Frau‘, auch: weil nicht klar ist, wer ‚Ihre Frau‘ für dich wirklich ist.

Du: Man muss sich aufmachen, sich öffnen, und dann kommt der 
       Schwarze, und dann ist nichts mehr.
       Ich bin nicht leer. Aber da ist nichts.
       Es bricht alles zusammen.
       Wo ist meine Frau? Sie ist verschwunden. Wo ist die tolle Frau? 
       Sie ist weg.
        Ich will nicht daran denken, warum sie weg ist.
	Es muss noch viel erledigt werden.
        Manche waren hier und kommen nicht wieder. Ich bin nun auch 
        hier.
	Ich: Ja, du bist nun auch hier.
Du: Zu gehen ist sehr schwer. Ich weiss nicht, wann es richtig ist 
        zu gehen.
	Ich: Wir sind auf einem Weg, von dem wir nicht wissen, wann er 
                zu Ende ist. Aber ich bin sicher, dass uns der Himmel nicht 
                allein lässt.
Du: Manche nehmen jemanden nur, weil er das und das gibt oder 
        so und so mit anderen ist.
        Ich: Ich wollte dich, weil du der bist, der du bist.
        Du: Vielleicht siehst du mich anders. Ich bin nicht mehr so…
        Ich: Ich sehe dich, wie du jetzt bist. Du bist jetzt, und ich bin 
               auch jetzt. Wir waren beide einmal anders. Aber jetzt sind 
               wir hier.

Beim Abschied schaust du zurück. Zum ersten Mal seit Monaten schaust du zurück, und fragst: „Kannst du es so machen?“ – „Und du? Kannst du es auch so machen?“ Wir nicken beide.

Wir sind auf einem Weg, nicht mehr am selben Ort, aber auf einem Weg.

1 Kommentar

  1. Hallo Susanna

    Wenn sich geistig die Wege trennen, dann werden die Begegnungen seltener, auch wenn die Körper sich noch nahe sind. Aber die Körper sind nicht alles, nur das was zurück bleibt. Wie eine Verpackung. Wie sagte schon der Mensch, mit dem Namen Jesus, der leider sehr verspottet wurde, aber von Herzen demütig und sanft ist: Folge mir nach …

    Einen lieben Gruß
    Pneuma

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